Gentherapie gegen das Altern: Können wir bald 20 Jahre jünger werden?
Liz Parrish, BioViva und die neue Generation der Verjüngungsmedizin: Was ist möglich, was kostet es und was ist wissenschaftlich bewiesen?
Von Tom Parkinson · 2. November 2026

Eine Spritze, die unseren biologischen Alterungsprozess zurückdreht? Menschen, die durch Gentherapie angeblich 20 oder sogar 30 Jahre jünger werden? Was nach Science-Fiction klingt, ist inzwischen Gegenstand echter wissenschaftlicher Forschung und zugleich ein lukrativer Markt für experimentelle Behandlungen.
In einem interessanten Interview spricht der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky über solche Gentherapien. Er berichtet von einem amerikanischen Arzt mit Olympia-Vergangenheit, Hunderten angeblich behandelten Menschen und Behandlungskosten von rund 750.000 Euro beziehungsweise Dollar.
Mich hat das neugierig gemacht. Deshalb habe ich gemeinsam mit künstlicher Intelligenz weiterrecherchiert.
Was steckt tatsächlich hinter diesen Angeboten?
Das Video: Gentherapie als Medizin der Zukunft
Der Ausschnitt beginnt bei Minute 37 und behandelt die Gentherapie, die Behandlungskosten und den amerikanischen Arzt. Das vollständige Interview auf YouTube ansehen.
Das Interview zeigt eindrucksvoll, wie optimistisch manche Zukunftsforscher die nächsten zehn bis zwanzig Jahre der Medizin einschätzen. Doch Zukunftsprognosen sind noch keine wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise.
Liz Parrish: die Frau, die ihr biologisches Alter zurückgedreht haben will
2015 ließ sich die amerikanische Unternehmerin Elizabeth „Liz“ Parrish, Gründerin von BioViva, in Kolumbien experimentell mit Gentherapien behandeln (MIT Technology Review).
Dabei kamen insbesondere zwei Ansätze zum Einsatz:
- Telomerase (TERT): Dieses Enzym beeinflusst die Telomere, die Schutzstrukturen an den Enden unserer Chromosomen. Die Hoffnung besteht darin, bestimmte Prozesse der Zellalterung zu beeinflussen.
- Follistatin: Dieses Protein hemmt unter anderem Myostatin, einen natürlichen Regulator des Muskelwachstums. Die Gentherapie soll so dem altersbedingten Muskelabbau entgegenwirken.
Parrish berichtet seitdem über eine erhebliche Verjüngung ihres biologischen Alters. Doch entscheidend ist: Ihre Aussagen beruhen auf begrenzten Messdaten und wurden bislang nicht durch unabhängige, kontrollierte klinische Studien bestätigt.
Ein veränderter biologischer Altersmarker bedeutet zudem nicht automatisch, dass der gesamte Körper tatsächlich jünger geworden ist oder ein Mensch länger lebt.
Wo werden solche Gentherapien angeboten?
Bei meinen Recherchen bin ich auf zwei unterschiedliche Anbieterstrukturen gestoßen.
1. BioViva und Integrated Health Systems: Mexiko und Kolumbien
Die Firma BioViva und das Netzwerk Integrated Health Systems standen im Mittelpunkt einer ausführlichen Recherche des US-Magazins WIRED aus dem Jahr 2023 (WIRED).
Beschrieben wurden experimentelle Behandlungen in Bogotá in Kolumbien und Tijuana in Mexiko. Zum Angebot gehörten Gentherapien mit Telomerase, Follistatin und Klotho.
Die damals genannten Preise begannen bei etwa 75.000 US-Dollar.
Die journalistische Recherche kritisierte insbesondere fehlende Transparenz, unzureichende unabhängige Wirksamkeitsbelege und offene Sicherheitsfragen.
2. GARM Clinic / Longevity Advanced: Honduras
Eine weitere interessante Einrichtung befindet sich auf der Karibikinsel Roatán in Honduras.
Dort arbeitet der amerikanische Orthopäde Dr. Glenn C. Terry, der laut Klinik früher auch als Arzt für das US-Olympiateam tätig war (Pressemitteilung der Klinik).
Die Einrichtung bietet unter anderem experimentelle Gentherapien mit Follistatin, Klotho und VEGF an. Anders als manche virusbasierten Verfahren setzt sie bei ihren kommerziellen Angeboten auch auf plasmidbasierte Gentherapien (Longevity.Technology).
Möglicherweise ist Dr. Terry der im Interview erwähnte amerikanische Arzt. Eindeutig bestätigt ist diese Zuordnung allerdings noch nicht.
Auch die genannten 400 behandelten Personen und 750.000 Euro Behandlungskosten konnte ich keiner konkreten Therapie mit überprüfbaren veröffentlichten Ergebnissen zuordnen.
Was sagt die Wissenschaft im November 2026?
Die Entwicklung bleibt spannend, allerdings mit erheblichen Einschränkungen.
Eine wichtige experimentelle Tierstudie zur Lebensverlängerung durch Gentherapie, an der auch BioViva beteiligt war und die 2022 im Fachjournal PNAS veröffentlicht wurde, wurde im August 2025 wegen Problemen mit den Forschungsdaten zurückgezogen (Retraction Watch).
Gleichzeitig entstehen neue klinische Untersuchungen.
Ein Beispiel ist die CALM-AF-AI-Studie (NCT07443826), die im März 2026 für die GARM Clinic in Honduras registriert wurde. In dieser frühen Phase-1/2a-Studie werden zunächst etwa zwölf Teilnehmer zwischen 45 und 75 Jahren mit altersbedingtem Muskelabbau untersucht (Longevity.Technology).
Eingesetzt wird eine virusbasierte Follistatin-Gentherapie, teilweise kombiniert mit VEGF. Sie ist nicht mit allen kommerziellen plasmidbasierten Angeboten gleichzusetzen.
Der Schwerpunkt liegt zunächst auf Sicherheit und Verträglichkeit. Belastbare Wirksamkeitsergebnisse liegen noch nicht vor.
Das zeigt: Gentherapien zur Beeinflussung altersbedingter Prozesse werden inzwischen systematisch am Menschen untersucht. Von einer bewiesenen allgemeinen Verjüngung sind wir aber noch weit entfernt.
Welche Risiken bestehen?
Gentherapien können langfristige biologische Veränderungen auslösen. Zu den möglichen Problemen gehören Immunreaktionen, entzündliche Komplikationen und bislang unbekannte Langzeitfolgen.
Bei Telomerase müssen außerdem mögliche Auswirkungen auf das Krebsrisiko besonders sorgfältig untersucht werden. Bei anderen Verfahren unterscheiden sich die Risiken je nach eingesetztem Gen und Transportmethode.
Deshalb ist eine Behandlung in einer privaten Auslandsklinik nicht automatisch mit einer kontrollierten klinischen Studie gleichzusetzen.
Was bedeutet das für Parkinson?
Für mich persönlich ist das die interessanteste Frage.
Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der unter anderem Nervenzellen geschädigt werden. Deshalb interessieren mich insbesondere Therapien, die möglicherweise Zellfunktionen verbessern, schädliche Prozesse bremsen oder Regenerationsmechanismen fördern könnten.
Klotho, Telomerase und andere Ansätze der Zellverjüngungsforschung sind aus biologischer Sicht interessant. Aber es gibt derzeit keinen überzeugenden klinischen Nachweis, dass die hier beschriebenen Anti-Aging-Gentherapien Parkinson stoppen, rückgängig machen oder die motorischen Symptome zuverlässig verbessern.
Die aktuelle Follistatin-Studie untersucht altersbedingten Muskelabbau und ist keine Parkinson-Studie.
Mein persönliches Fazit
Ich beschäftige mich seit meiner Parkinson-Diagnose im Dezember 2020 intensiv mit neuen medizinischen Behandlungsmöglichkeiten und der internationalen Forschung.
Die Gentherapie halte ich langfristig für eine der faszinierendsten Entwicklungen der modernen Medizin.
Die Vorstellung, den biologischen Alterungsprozess einzelner Zellen gezielt zu beeinflussen, könnte eines Tages ganz neue Möglichkeiten zur Behandlung chronischer und neurodegenerativer Erkrankungen eröffnen.
Aber ich unterscheide sehr bewusst zwischen einer wissenschaftlich interessanten Entwicklung und einer tatsächlich bewiesenen Therapie.
75.000 Dollar oder sogar 750.000 Dollar für eine Behandlung auszugeben, deren langfristiger Nutzen und Sicherheit nicht ausreichend belegt sind, halte ich gegenwärtig nicht für sinnvoll.
Ich werde die Entwicklung von BioViva, GARM und den wissenschaftlichen Gentherapieprogrammen weiterverfolgen.
Denn vielleicht liegt in dieser Forschung tatsächlich ein wichtiger Schlüssel zur Medizin der Zukunft.
Tom Parkinson
Quellen und weiterführende Informationen
- WIRED (Mai 2023): Recherche zu BioViva, Integrated Health Systems und den experimentellen Behandlungen in Mexiko und Kolumbien. wired.com
- PNAS (August 2025): Zurückgezogene Studie zur Lebensverlängerung durch Gentherapie. doi.org/10.1073/pnas.2121499119, dazu Retraction Watch
- ClinicalTrials.gov: CALM-AF-AI, Follistatin-Gentherapiestudie NCT07443826. clinicaltrials.gov
- GARM / Longevity Advanced: Informationen zu den angebotenen Gentherapien und Dr. Glenn Terry. longevityadvanced.com, Longevity.Technology
- MIT Technology Review (Oktober 2015): Liz Parrishs Behandlung in Kolumbien. technologyreview.com
- Interview mit Sven Gábor Jánszky: YouTube
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine medizinische Beratung oder Behandlungsempfehlung dar. Die beschriebenen experimentellen Anti-Aging-Verfahren haben keine nachgewiesene Wirksamkeit gegen Parkinson.