🧠 Multiple Sklerose (MS) — Behandlung, Forschung und was man selbst tun kann
Stand: Juni 2026 | Von Tom Parkinson
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, verursacht durch Autoimmunprozesse.
Das Immunsystem greift fälschlicherweise die Schutzhülle der Nervenfasern (Myelin) im Gehirn und Rückenmark an.
Je nach betroffener Stelle entstehen unterschiedliche Symptome — deshalb wird MS auch "Krankheit der 1000 Gesichter" genannt.
In Deutschland leben rund 250.000 Menschen mit MS.
Eine wichtige Botschaft vorweg:
Eine MS-Diagnose heute ist nicht mehr das, was sie vor 20 Jahren war.
Mit früher, konsequenter Behandlung führen viele Menschen mit MS ein weitgehend normales, aktives Leben.
Die etablierte Schulmedizin — die Basis jeder Behandlung
Heute stehen rund 20 zugelassene krankheitsmodifizierende Medikamente zur Verfügung. Sie sind die wichtigste Grundlage, gerade bei einer frischen Diagnose.
Hochwirksame Antikörpertherapien: Wirkstoffe wie Ocrelizumab gehören zu den meistverordneten MS-Medikamenten weltweit und haben über 400.000 Menschen behandelt.
Sie können Schübe bei vielen Patienten nahezu vollständig unterdrücken.
Die nächste Generation — BTK-Hemmer:
Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer wie Tolebrutinib und Fenebrutinib sind orale Medikamente, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden und nicht nur Schübe, sondern auch das schleichende Fortschreiten bremsen können — etwas, das bisherige Medikamente nicht leisten konnten.
Sie gelten als möglicher Durchbruch besonders bei progredienter MS.
Der Zulassungsweg verlief allerdings holprig: Tolebrutinib wurde von der EMA in Europa positiv bewertet, während die US-Behörde FDA den Antrag zunächst ablehnte.
Die Entwicklung wird intensiv weiterverfolgt.
Forschung und Zukunftsaussichten — sehr ermutigend
Remyelinisierung — die Reparatur der Nervenhüllen: Das ist das große Ziel der MS-Forschung.
Statt nur Entzündungen zu bremsen, sollen beschädigte Myelinscheiden tatsächlich repariert werden.
Alte, bekannte Wirkstoffe wie Clemastin (ein Antihistaminikum) und Metformin werden dafür untersucht.
Das Pariser Hirninstitut hat Anfang 2026 neue Moleküle identifiziert, die Remyelinisierung fördern.
CAR-T-Zelltherapie: Die aus der Krebsbehandlung bekannte Methode wird jetzt bei MS erprobt.
Die Universitätsklinik Tübingen plant eine entsprechende Studie.
Langfristig könnte dies eine Art Neustart des fehlgeleiteten Immunsystems ermöglichen.
Das Epstein-Barr-Virus als Auslöser: Die Forschung hat den Zusammenhang zwischen dem Epstein-Barr-Virus und der Entstehung von MS bestätigt.
Das eröffnet einen völlig neuen Weg — die Möglichkeit einer EBV-Impfung zur Vorbeugung sowie antiviraler Therapien.
Intensivere und alternative Ansätze — neutral betrachtet
Diese Optionen werden von Betroffenen diskutiert. Ich stelle sie hier neutral dar — sie sollten immer mit einem MS-Spezialisten besprochen werden, bevor man sie in Betracht zieht.
aHSCT — autologe Stammzelltransplantation:
Bei dieser Methode wird das Immunsystem mittels Chemotherapie weitgehend zurückgesetzt und mit eigenen Blutstammzellen neu aufgebaut.
Bei hochaktiver schubförmiger MS ist die Wirksamkeit wissenschaftlich gut belegt, und das Verfahren wird zunehmend auch an spezialisierten Zentren in Deutschland und Europa durchgeführt.
Es ist jedoch ein intensiver Eingriff mit echten Risiken.
Anbieter wie HSCT Mexico werben offensiv um internationale Patienten.
Neutral betrachtet gilt: Die Methode ist ernstzunehmen, aber der erste Schritt sollte ein Gespräch mit einem deutschen MS-Zentrum sein — nicht eine Direktbuchung im Ausland. Faktoren wie Qualitätsstandards, Nachsorge und Kostenübernahme sind sorgfältig abzuwägen.
Hier erklärt Matthias Dietrich, welche interessante Option es für MS-Erkrankte gibt — sehr sehenswert:
▶️ MS-aHSCT – WARUM sagt uns das Niemand: HSCT Mexico Stammzellen-Therapie
🔗 HSCT México – HSCT for MS and other autoimmune diseases
Coimbra-Protokoll (hochdosiertes Vitamin D):
Entwickelt von Dr. Cicero Coimbra, basiert diese Methode auf sehr hohen Vitamin-D-Dosen. Befürworter berichten von Erfolgsquoten von 70–90 Prozent.
Neutral und ehrlich eingeordnet: Diese Zahlen stammen überwiegend aus Erfahrungsberichten und nicht aus großen, kontrollierten klinischen Studien.
Hochdosiertes Vitamin D über längere Zeit kann ernste Nebenwirkungen haben, etwa eine gefährliche Erhöhung des Kalziumspiegels mit möglicher Nierenschädigung.
Eine Studie an der Charité Berlin nimmt keine neuen Teilnehmer mehr auf.
Wer diesen Weg erwägt, sollte dies ausschließlich unter enger ärztlicher Kontrolle mit regelmäßiger Überwachung der Blut- und Nierenwerte tun.
SiWAVE-MS: Ein weiterer Ansatz, zu dem es derzeit noch wenig belastbare wissenschaftliche Evidenz gibt.
Was man bei MS selbst tun kann — ergänzende Maßnahmen
Alle folgenden Maßnahmen sind Ergänzungen zur schulmedizinischen Behandlung — kein Ersatz.
Aber gerade bei MS gibt es erstaunlich viel, was man selbst aktiv tun kann.
Vitamin D — der am besten belegte Punkt: Eine große randomisierte Studie aus dem Jahr 2025 mit 303 Patienten zeigte, dass Vitamin D bei sehr früher MS die Krankheitsaktivität senkt und das Fortschreiten verzögert — die Zeit bis zum zweiten Schub verlängerte sich nahezu auf das Doppelte.
Positive Effekte zeigten sich vor allem bei Menschen mit Vitamin-D-Mangel.
Wichtig: Es geht um einen ausreichenden, ärztlich kontrollierten Spiegel — nicht um die extreme Coimbra-Hochdosis.
Der Spiegel sollte über Blutwerte überwacht werden.
Omega-3-Fettsäuren: Mehrere Studien zeigen, dass Omega-3 mit besseren Verläufen bei Erschöpfung und Behinderung zusammenhängt.
In einer großen internationalen Untersuchung war besonders pflanzliches Omega-3 mit deutlich geringerer Behinderung verbunden.
Ernährung:
Mediterrane und pflanzenbasierte Ernährung zeigen in der Forschung die konsistentesten Vorteile — weniger Erschöpfung, bessere Lebensqualität, gedämpfte Entzündungswerte. In einer Fünf-Jahres-Studie war der weitgehende Verzicht auf Fleisch und Milchprodukte mit besseren Krankheitsverläufen verbunden.
Das Grundprinzip ist eine entzündungshemmende, faserreiche Kost mit kurzkettigen Fettsäuren.
Sport:
In einer großen internationalen Studie hatten Menschen mit mäßiger bis hoher körperlicher Aktivität ein dramatisch geringeres Risiko für schwere Behinderung als wenig aktive Patienten. Bewegung wirkt entzündungshemmend und kann die Progression verlangsamen — einer der wirksamsten Selbsthilfe-Faktoren überhaupt.
Zahngesundheit:
Ganz neue Forschung zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Zahnfleischerkrankungen und MS.
Forscher der Universität Hiroshima fanden, dass das Mundbakterium Fusobacterium nucleatum mit der Schwere der Behinderung zusammenhängt.
Eine japanische Studie zeigte, dass das Zahnfleischbakterium Porphyromonas gingivalis die MS-Progression über den NLRP3-Entzündungsweg beschleunigt.
Die gute Nachricht: Hier kann man selbst aktiv werden — durch gründliche Mundhygiene, regelmäßige professionelle Zahnreinigung und die konsequente Behandlung von Zahnfleischentzündungen.
Mikrobiom:
Das Darm-Mikrobiom beeinflusst Entstehung und Verlauf von MS nachweislich.
Eine faserreiche Ernährung mit kurzkettigen Fettsäuren unterstützt ein gesundes Mikrobiom.
Ein gezielter Mikrobiom-Transfer ist bei MS allerdings noch experimentell — vielversprechend, aber noch nicht etabliert.
Weitere wichtige Punkte:
Nicht rauchen (Rauchen ist ein klarer MS-Risikofaktor und beschleunigt das Fortschreiten), Stressmanagement (Stress kann Schübe begünstigen) und ein gesundes Körpergewicht.
Mein persönliches Fazit
Genau wie bei meinem eigenen Parkinson-Weg gilt auch bei MS: Die beste Strategie ist die Kombination aus moderner Schulmedizin und einem konsequent gesunden Lebensstil. Das Wichtigste bei einer frischen Diagnose ist, schnell ein gutes MS-Zentrum aufzusuchen und früh mit einer wirksamen, zugelassenen Therapie zu beginnen.
Die Forschung macht gerade enorme Fortschritte — von BTK-Hemmern über Remyelinisierung bis zur EBV-Impfung.
Vitamin D, Omega-3, entzündungshemmende Ernährung, regelmäßiger Sport, gute Zahngesundheit, ein gepflegtes Mikrobiom, Rauchverzicht und Stressmanagement — all das sind Stellschrauben, an denen Betroffene selbst drehen können. Keine einzelne davon ersetzt die ärztliche Therapie, aber zusammen können sie einen echten Unterschied im Krankheitsverlauf machen. Die Aussichten für Menschen, die heute die Diagnose erhalten, sind so gut wie nie zuvor.
Alternative und intensivere Ansätze können ein Thema sein — aber immer als Ergänzung, immer nach gründlicher Beratung mit Spezialisten, und niemals als Ersatz für die etablierte Therapie.
Weiterführende Informationen und Anlaufstellen
Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): dmsg.de — die wichtigste deutsche Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige. AMSEL e.V.: amsel.de — umfangreiche aktuelle MS-News und Therapieinfos.
Hinweis: Dieser Bericht dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei einer MS-Diagnose ist die Betreuung durch einen Neurologen bzw. ein spezialisiertes MS-Zentrum unverzichtbar. Alle genannten Maßnahmen — besonders die Dosierung von Vitamin D — sollten mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden.
